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Mallorca
 

DIE SONNIGE BALEARENINSEL HAT VIELE GESICHTER

Weite Strände, idyllische Buchten und die Wärme der spanischen Sonne locken Jahr für Jahr Millionen von Urlaubern auf die größte Baleareninsel Mallorca. Natürlich gibt es den Sangria-dürstenden, berühmt-berüchtigten "Ballermann". Doch glücklicherweise konzentriert sich dieser Rummel auf das Touristenzentrum S´Arenal südlich der Hauptstadt Palma. Und nicht weit davon ist die Insel voller Überraschungen. Ein Kontinent im Kleinformat mit wechselnden Klimazonen, abwechslungsreichen Landschaften und reich an Kulturhistorischem, bietet er gerade dem Motorradfahrer viele Möglichkeiten für Fahrspaß und erlebnisreiche Entdeckungen.

Am Cap de FormentorBei Sineu

Im Südosten der Insel, nahe dem kleinen und ruhigen Hafenstädtchen Portocolom haben wir uns in einer wunderschön angelegten Finca niedergelassen. Von hier aus geht es auf den gemieteten BMW F 650 und geführt von unserem Hausherrn und Tourguide Wolfgang auf Erkundungstouren rund um die Insel. Dem spanischen Zeitgefühl angemessen lassen wir uns viel Zeit beim üppigen Frühstück. Um 10:00 Uhr starten wir dann zu unserer ersten Rundfahrt durch das Inselinnere.

Von Portocolom geht es an Äckern und Bauerngehöften vorbei. Dann biegen wir auf eine schmale, holperige Straße ab, die sich steil den Hügel emporschraubt zum Castell de Santueri, einer ehemaligen Araberfestung mit mächtigen Burgmauern, die vom Eroberer Mallorcas, König Jaume I. im 13. Jahrhundert lange belagert worden war. Der Burghügel bietet eine hervorragende Sicht und so haben wir eine gute Gelegenheit die Umgebung zu überblicken. Im Osten erstreckt sich die Ostküste mit den vielen kleinen Calas, auf der anderen Seite erhebt sich ein weiterer Hügel mit der Klosterburg und Kirche Santuari de Sant Salvador, einem seit dem 14. Jahrhundert bekannten Wallfahrtsort. Zahlreiche Kurven und Serpentinen führen hier hinauf, ein Weg, den wir wieder zurückfahren müssen, um zu dem am Fuße der Serres de Llevant liegenden Städtchen Felanitx zu gelangen. Rund um den Kirchplatz mit dem aus goldfarbenem Sandstein erbauten Gotteshaus San Miquel findet jeden Sonntag der Wochenmarkt statt. Auch heute noch werden "azulejos" angeboten, durch deren Herstellung Felanitx bereits zur Araberzeit bekannt war.
An Plantagen mit Mandelbäumen und vorbei an Obst- Wein- und Gemüsefeldern geht es dann weiter durch das bäuerliche, noch unverfälschte Mallorca. Die Felder werden von Natursteinmauern begrenzt, zwischen denen unbefestigte Feldwege zu den Höfen und Äckern führen. Windräder, die früher zum Betrieb hofeigener Brunnen dienten, und immer wieder Ausblicke auf die Landstädtchen mit ihren braunen Häusern und wuchtigen, weit hin sichtbaren Kirchen begleiten unsere Fahrt. In den kleinen Ortschaften herrscht noch Ruhe, auf dem Marktplatz sieht man Hunde dösen und im Schatten der Hausmauern einige alte Männer sitzen. Auch das ländliche Sineu, geografischer Mittelpunkt Mallorcas, ist ein stiller Ort, der nur alle sieben Tage zu Leben erwacht: Denn am Markttag wird es extrem lebendig. Händler reisen von weit her an, allerhand Lebensmittel, Fisch, Fleisch, Gemüse, Gewürze und lebendes Viehzeug werden feilgeboten. Auch wir mischen uns in dies bunte Treiben und schieben uns durch die quirligen Gassen und Plätze der Kleinstadt.

Monestir de Lluc Alte Bahn in Port de Soler

Über das mallorquinische Landleben und dessen Geschichte Hochinteressantes erfahren kann man auf dem 250 Jahre alten Herrengut "Els Calderers". Zu sehen ist das hochherrschaftliche Herrenhaus mit den original eingerichteten Wohnräumen, ein Weinkeller und die Backstube, die Küche sowie die Handwerksbetriebe. Geschichtsträchtiges birgt auch der Puig de Randa, ein 543 m aus der südlichen Ebene sich erhebender Tafelberg mit nicht weniger als drei Klosterstätten. Eine kurvenreiche Straße windet sich den Berg empor, eine tolle Fahrt bis man das obere Plateau erreicht, das uns zum Abschluss dieses Tages einen atemberaubenden Ausblick über die Insel bietet, entlang der südlichen Küstenlinie bis zur Hauptstadt Palma und zum Tramuntana Gebirge im Norden.

Der Süden Mallorcas ist die ruhigste, vom Tourismus am wenigsten betroffene Region. Wir peilen ihn an entlang der Küste, wo sich tief eingeschnittene Buchten mit kleinen Sandstränden wie Perlen aneinander reihen. Portocolom hat seinen ursprünglichen Charakter eines Fischerdorfes bewahren können. Die alten Häuser gruppieren sich um den fast kreisrunden Hafenbogen. Am Ufer liegen Kähne vor bunt gestrichenen Unterständen, weiter draussen ankern Segelyachten. Ein richtiges Naturkleinod sind die Buchten Cala d´Or und Cala Figuera. Deren Naturschönheiten lockten Urlauber hier Station zu machen, so dass sie zu aufstrebenden Ferienzentren wurden, allerdings in Maßen - die Mischung aus Ursprünglichkeit und touristischem Angebot stimmt noch.
Entschieden ruhig wird es ab der Cala Llombards. Denn hier im Süden erstreckt sich einfaches Bauernland, jedoch mit einigen landschaftlichen Besonderheiten, dem Naturschutzgebiet bei Es Trenc und den Salinenfeldern Salines de Llevant. Es Trenc ist ein Sandstrand, der von keinem einzigen Hotel verbaut worden ist. Ganz ohne Kampf ging dies jedoch nicht. Umweltschützer protestierten Anfang der 80er Jahre gegen den Bau von Ferienzentren und ihr Protest lohnte sich: Über 3 km erstrecken sich die weissen Dünen und Pinienwäldchen, ganz ohne Beton. Im Hinterland schließen sich ein vogelreiches Naturschutzgebiet und die Salinenfelder an, die am schönsten im Herbst wirken, wenn sie abgeerntet werden und das zu Pyramiden aufgetürmte Salz wie Schnee glitzert. Unweit davon besichtigen wir noch eine prähistorische Sehenswürdigkeit, die Ruinen quadratischer und runder Talayots von Capocorb Vell. Beeindruckend sind die massiven Steinmauern dieser aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. stammenden Siedlung, die ungewöhnlich gut erhalten ist.

Fahrt nach Port de Valldemossa Sa Calobra

Das hoch über der Stadt Arta gelegene Kastell ist der erste spektakuläre Haltepunkt unserer nächsten Tagesrundfahrt in den Norden Mallorcas. Einige Kilometer davon entfernt liegt die abgelegene Einsiedelei Ermita de Betlem, welche noch heute bewirtschaftet wird. Die Anfahrt dorthin erfolgt über eine äusserst schmale und kurvenreiche Straße, die einem am Ende einen traumhaften Blick auf die Bucht von Alcudia ermöglicht. Alcudia selbst, die ehemalige Residenzstadt Mallorcas, umgibt eine faszinierende Kulisse: auf der einen Seite das blaue Meer und dahinter das schroffe Tramuntana Gebirge. Von hier geht es weiter zu einem der Höhepunkte dieses Tages, zur Nordspitze Mallorcas mit ihren 400 Meter hohen Klippen, dem Cap de Formentor. Das Asphaltband dorthin schraubt sich immer steiler und höher in Kurven über Kurven in einer atemberaubenden Landschaft von Meer und Gebirge, bis man in luftiger Höhe das Kap erreicht. Hier im äussersten Nordosten herrschen Brise und Brandung, die Felswände stürzen senkrecht hinab zum tosenden Meer. Die Aussicht ist grandios und kann bei gutem Wetter bis Menorca reichen.
Die Weiterfahrt führt uns in das Nordgebirge und damit in eine der vielfältigsten Regionen Mallorcas. Pollenca, unsere nächste Station, gilt Vielen als die schönste Landstadt und wir schließen uns dieser Meinung an. Die umliegenden Berge, das nahe Meer und eine fruchtbare Ebene bilden eine schöne Kulisse. Das Städtchen mit seinen engen Gassen und Plätzen und den verspielten Balkongittern vor den Hausfassaden geht auf römische Ursprünge zurück und so lassen wir es uns nicht nehmen, die sehr gut erhaltene, noch nutzbare römische Brücke am Ortsausgang zu besichtigen.
Nun sind wir neugierig auf die nächste Sehenswürdigkeit, das im karstigen Tramuntana Gebirge gelegene Monestir de Lluc. Die kleine Statue einer schwarzen Madonna, die ein Hirtenjunge einst in einem Felsspalt fand, war der Anlass für den Bau dieser gewaltigen Klosteranlage und ist bis heute deren Hauptanziehungspunkt. Eine romantisch gelegene, kurvige Landstraße durch lichte Kiefernwälder führt zu dem Kloster und schließlich weiter zum nächsten Höhepunkt der Tagesrundfahrt, nach Sa Calobra. Am Puig Major, Mallorcas höchstem Berg beginnt die berüchtigte, 1932 erbaute Serpentinenstraße, die in zahllosen engen Kehren und Schleifen auf 12 km Länge aber nur 4 km Luftlinie 800 Höhenmeter überwindet. Fahrerisches Können ist für diese Strecke dringend erforderlich, zumal man immer wieder mit Ausweichmanövern mit PKWs und Reisebussen in den engen Serpentinen konfrontiert wird. Einsamkeit ist hier leider nicht angesagt, aber dieser Abstecher ist ein Muss schon wegen der traumhaften Landschaft, den abfallenden Berghängen, den überhängenden Felsvorsprüngen und bizarren Felsgebilden.

Am nächsten Morgen geht es nochmals ins Tramuntana Gebirge, um von hier aus den Westen zu erkunden. Für die Anfahrt wählen wir eine gewundene Gebirgsstraße durch die wilde Serra d´Alfabia, die uns an der Burgruine des Castell d´Alaro, durch die verschlafene Ortschaft Orient und durch den stillen Weinort Bunyola führt. Hier erreicht man die Hauptverkehrsstraße, die von Palma nach Soller, und seit 1997 durch den Soller-Tunnel führt. Wir nehmen jedoch den Coll de Soller, eine Passauffahrt mit Haarnadelkurverei und ausgefrästen Längsrillen in den Kehren. Es ist eine anspruchsvolle Fahrt über den 496 Meter hohen Pass, der früher die einzige, beschwerliche Verbindung zur Hauptstadt darstellte. Das von hohen Bergen umgebene Tal von Soller ist eine fruchtbare Gartenlandschaft, besonders Orangen gedeihen im sogenannten "Vall d´Or". Eine Besonderheit ist die vom Anfang des 20. Jahrhunderts stammende schmucke Straßenbahn, welche die Stadt Soller mit dem Hafen Port de Soller verbindet und heute gerne als Touristenattraktion verwendet wird.
Von Soller aus geht es zur Traumstraße Mallorcas, der kurvenreichen Straße entlang der Westküste. Nicht nur landschaftliche Augenweiden, sondern auch kulturhistorisch Interessantes bietet diese Gegend. Beispielsweise die an steilen Berghängen klebende Ortschaft Deià mit ihren rötlichen Häusern, gekrönt von einer Kirche und umgeben von Orangengärten und Olivenhainen, lockte zahlreiche Maler, Literaten und Musiker hier zeitweise zu verweilen. Und im Kartäuserkloster Valldemossa verbrachten George Sand und Frédéric Chopin den Winter 1838/39, wohl die ersten Mallorca-"Touristen". Heute ist Valldemossa ein von Touristenbussen stark heimgesuchter Ort, so dass wir uns entscheiden, lieber die kleine Serpentinenstraße nach Port de Valldemossa hinabzufahren. Die Abfahrt ist nicht weniger anspruchsvoll als auf der Strecke nach Sa Calobra, doch mit erfreulich wenig Verkehr, und unten im Hafen erwartet uns ein beeindruckendes Schauspiel: Über Nacht ist ein starker Wind aufgezogen, der nun die Gischt über den kleinen Parkplatz im Hafenbecken fegt. Eine Weile beobachten wir das beeindruckende Donnern und Grollen der Wellen und versuchen uns vor dem Salzwasser zu schützen. Jedoch vergebens - als wir wieder die Rückfahrt antreten, müssen wir anhalten und unsere von der salzigen Gischt verschmierten Sonnenbrillen und Visiere ordentlich reinigen.

Im Herrensitz Es Calderes Valledemossa

Als nächstes erreichen wir den malerischen Ort Banyalbufar. Der Name stammt aus dem Arabischen und bedeutet "kleiner Weingarten am Meer". Viel Arbeit wurde verwendet und viele Steine aufgetragen, um die heute blühenden Terrassenfelder und den steil am Berg liegenden Ort zu errichten. Unweit davon besichtigen wir den auf einer schroffen Felsnase, 200 Meter über dem Meeresspiegel errichteten Torre de Ses Animes. Es ist einer aus der Kette von Wachtürmen, die im 16 Jahrhundert entlang der Inselküste gegen muslimische Piratenüberfälle erbaut worden waren. In unzähligen Kehren schraubt sich die Serpentinenstraße über die Berge der Westküste, hoch über dem Meer und gewährt atemberauende Ausblicke - kein Wunder, dass ausgerechnet dieser Landstrich bevorzugter Sitz von Sommervillen zahlreicher Promis geworden ist. Auch der ehemals schlichte Hafen Port Andratx, der lediglich aus einfachen Schuppen bestand und zum Schutz vor Piraten weit entfernt von der Siedlung Andratx angelegt worden war, hat dank des Geldtourismus sein Gesicht entschieden verändert. Heute prägen weisse Villen entlang der Bucht und die Umrisse zahlreicher Luxusyachten das Hafenstädtchen. Zurück nach Portocolom geht es dann auf der Schnellstraße Richtung Palma. Je näher wir an die Hauptstadt herankommen, umso dichter wird der Verkehr. Doch es geht zügig voran. Wir passieren Palma entlang des Küstenhighway und zum Abschluss genießen wir das von der untergehenden Abendsonne beschienene Panorama des königlichen Almudaina-Palastes und der Kathedrale La Seu.
Markt in Sineu Straße bei Sa Calobra

Text: Dr. Ingrid Gloc-Hofmann
Fotos: Helmut Hofmann und Dr. Ingrid Gloc-Hofmann

 
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