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Slowenien
 

Die wilden Ostalpen

Am Predil mit Blick Richtung Mangart-Stock Die Sella di Razzo in Carnien
Wildromantisch, ursprünglich und sonnenverwöhnt - ein kleines Land voll großer Vielfalt - so haben wir Slowenien nicht nur einmal erlebt. Der Norden ist gekennzeichnet von schroffen Alpengipfeln, dichten Wäldern und saftig-grünen Tälern. Weiter südlich wird es karstiger und mediterraner. Doch überall begeisternswert ist die Unberührtheit dieses Landes, die Gastfreundschaft der Menschen und die für uns Motorradfahrer traumhaften, kurvenreichen Landstraßen.
So machen wir uns auf in Richtung Südosten, zu den wilden Ostalpen. Für die Anreise haben wir die Sextener und Karnischen Dolomiten gewählt, die nahtlos in die östlichen Ausläufer des Alpenhauptkammes, die Julischen Alpen in Slowenien übergehen. Im Gegensatz zu den bekannten "klassischen" Dolomiten werden diese im italienischen Friaul gelegenen Gebirgszüge von weniger Touristen heimgesucht. Bei der Anfahrt durch das Pustertal lässt der Verkehr Richtung Osten wohltuend nach. Rund um Toblach und die Anfahrt zur Auronzohütte an den Drei Zinnen geht es zwar zwischen PKWs, Wohnmobilen und Reisebussen noch wild her - dennoch lassen wir uns diese Auffahrt wegen der landschaftlichen Eindrücke und der kurvenreichen Passstrasse nicht entgehen.
Von Auronzo mit seinem türkisblauen See brechen wir gutgelaunt zu den Karnischen Bergen auf. Wenige Kilometer weiter südlich wenden wir uns nach Osten, steuern die Sella Ciampigotto an und verlassen nun endgültig die Welt der Massenausflügler. Die Auffahrt hat es in sich. Die Straße ist zwar komplett neu geteert, aber die schmale Fahrbahn und die Steigung vor allem in den engen Spitzkehren lassen selbst einen Motorradfahrer auf keinen Gegenverkehr hoffen. Doch dann weitet sich die Landschaft zu einer Hochebene und an der Sella di Razzo wird man mit einem ersten atemberaubenden Blick auf die zerklüfteten Karnischen Bergmassive belohnt.
Von hier geht es weiter durch das Val Pesarina. Dank seiner abgeschiedenen Lage haben sich Sitten und Bauweise der ansässigen Bevölkerung bis heute erhalten können. Zahlreiche aus Holz gebaute oder steinerne Bauernhäuser säumen die in vielen Windungen sich dahinschlängelnde Landstraße. In Prato Cárnico, einem typischen karnischen Bergdorf, bleiben wir vor der Dorfkirche stehen, um den extrem schief stehenden Turm zu bewundern. Bald darauf erreichen wir das Degano-Tal und dann das nach Süden hin sich breit öffnende Tal des Tagliamento. Tolmezzo, der Hauptort der karnischen Region mit seinen von Arkaden gesäumten Gassen und der malerischen Piazza lädt uns ein, hier die Nacht zu verbringen. Und so genießen wir am Spätnachmittag, vor dem Dom im Freien sitzend, den wohlverdienten Cappuccino und später ein köstliches Abendessen.
Im Trenta-Tal, in der Nähe der Ortes Trenta Abfahrt vom Mangart-Paß
Um endlich unser eigentliches Ziel Slowenien zu erreichen, nehmen wir die nächste Etappe unter die Räder, die uns durch den Canale di Ferro und das Raccolana-Tal bis hoch zur Sella Nevea führt. Die Karnischen Dolomiten schließen sich hier immer enger um das Tal zusammen, wir fahren direkt auf eine massive Bergwand zu. Am Talende wird die Berganfahrt in unzähligen Spitzkehren in unbeleuchteten Tunnels gemeistert. Auf der Sella Nevea angekommen, überrascht uns ein großes Wintersportgebiet mit einer gewaltigen Ansammlung von Skihotels. Im Sommer kein übermäßig schöner Anblick, aber die weitere Abfahrt und dann die Auffahrt zum Predilpass entschädigen uns mit wunderschönen Aussichten.
Der 1150m hohe Predilpass ist zugleich Grenzstation zwischen Italien und Slowenien. Wir passieren den kleinen Grenzübergang ohne jegliche Probleme - die freundlichen slowenischen Beamten werfen nur einen oberflächlichen Blick auf unsere Ausweispapiere und winken uns zügig weiter. Und dann stehen wir staunend vor einem atemberaubenden Panorama. Plötzlich hat sich die Landschaft vollkommen verändert. Während in Karnien weite Bergzüge und landwirtschaftlich genutzte Hochalmen vorherrschen, nimmt uns hier eine abgeschiedene, karge und schroffe Bergwelt ein. Vor uns erheben sich die Julischen Alpen, der Triglav-Nationalpark, und der 2677m hohe Bergstock des Mangart.
Die Sonne hat sich verzogen und dichte Wolken verhüllen die Bergspitzen. Aber nichts kann uns aufhalten, die Mangart-Passstraße zu befahren. Bis 1998 war sie eine lose geschotterte Auffahrt, die 1999 geteert wurde. Ein Felssturz, der sich Ende 2000 ereignete und eine gewaltige Erdlawine ins Tal beförderte, machte diese Bemühungen wieder zunichte. Seit 2002 ist die Passstraße wieder auf frisch geteertem Untergrund befahrbar. Eine aufregende Straße, die zunächst durch dichte Wälder führt und sich dann einen Steilhang hochschraubt, durchsetzt von vielen Spitzkehren und Tunnels. Die Sonne kommt wieder zwischen den Wolken durch und lässt tolle Ausblicke ins Tal zu. Dann teilt sich die Straße zur geschotterten Gipfelstrecke. Wir nehmen die rechte Auffahrt, plötzlich wird es eben und wir stehen auf dem oberen Bergplateau. In diesem Moment reißen die Wolken vollkommen auf, die Aussicht ist atemberaubend. Vor unseren Augen erhebt sich der schroffe Bergstock des Mangart und direkt vor unseren Füßen geht es 1000 Meter tief hinab. Dort unten kann man die italienischen Laghi di Fusine sehen und dahinter den gesamten Alpenhauptkamm überblicken. Lange stehen wir wie gebannt da und nur schweren Herzens können wir uns von dieser Aussicht losreißen.
Doch wir wollen weiter. Kurve um Kurve fahren wir das steilwandige Korotnica-Tal hinab, vorbei an der Festung Kluze bis Bovec und erreichen das wunderschöne Trentatal, in welchem der Fluss Soca fließt. Kleine Ansiedlungen mit buntbemalten Bauernhäusern mit holzgeschnitzten Ornamenten und üppig bepflanzten Gärten säumen die Landstraße. Immer wieder sieht man alte hölzerne Hängebrücken, die über die Soca führen. In dem Ort Trenta öffnet sich das bis dahin schmale Tal und lässt den Blick frei auf das Bergmassiv des Vrsic. Hier nimmt einer der interessantesten Pässe Sloweniens, die Vrsic-Passstraße ihren Anfang. Kurz nach Trenta in der ersten Spitzkehre lesen wir auf einer Hinweistafel die Zahl 51. Auf den nächsten 12 Kilometern erwarten uns also noch weitere 50 Spitzkehren! Schön gleichmäßig in regelmäßigen Kurven geht es den Berg hinauf und oben angekommen machen wir erstmal Pause. 25 Kehren sind gemeistert und 26 liegen noch vor uns. Kaum zu glauben, aber die Abfahrt ist ebenso toll wie die Auffahrt, erfordert aber mehr Konzentration, da die Spitzkehren gepflastert sind und leicht schmierig werden. Doch die landschaftlichen Ausblicke werden immer faszinierender. Wir befinden uns nun inmitten des Triglav-Massivs und fahren hinab in einen Kessel, der von den Spitzen der bis zu 2700m hohen Berge gesäumt wird. Kurz vor der Ortschaft Krajnska Gora lacht uns eine Pension an, ein großes mit Holzschnitzereien geschmücktes Haus inmitten einer kleinen Parkanlage. Wir beschließen hier zu übernachten und werden freundlich von der deutsch sprechenden Dame des Hauses empfangen. Wie sich am Abend herausstellt ist auch die Slowenische Küche mit ihren hausgemachten Spezialitäten vorzüglich, das Bier ebenso gut wie der italienische Rotwein am Vorabend.
Gut  fahrbare Schotterstrecke vor Bled Am Wocheneiner See
Am nächsten Tag geht es entlang des Karawankenmassivs auf der Hauptroute Richtung Bled. Bald aber biegen wir auf einen unscheinbaren, unbefestigten Weg ab, der uns ins Radovna-Tal führt. Abseits der Hauptstraße finden wir hier eine ländliche Idylle vor: Um uns herum türmen sich die Berge der Julischen Alpen auf, saftig grüne Wiesen und vereinzelte Bauerngehöfte prägen das Bild, und eine absolute Stille, sobald wir unsere Motorräder abgestellt haben. Am südlichen Ausgang des Tales, wo sich der Fluss durch eine 1500m lange Schlucht schiebt, befindet sich die Vintgar-Klamm. Ein lohnenswerter Ausflug, denn die Klamm kann begangen werden, der Weg führt zum Teil auf Holzstegen und Brücken über das rauschende klare Wasser der Radovna, vorbei an Stromschnellen und Wasserfällen.
Kurz danach erreichen wir Bled und haben plötzlich ein völlig anderes Bild vor Augen. Ganz zauberhaft liegt das historische Bled am gleichnamigen See, überragt von einer mächtigen, auf hohen Klippen thronenden Burg, den See ziert eine kleine Insel mit der beliebten Wallfahrtskirche Mariae Himmelfahrt. Doch dank des besonders milden Klimas ist Bled ein traditioneller Kurort, was an den zahlreichen Hotels, den mondänen Kuranlagen und Cafés an der Uferpromenade ersichtlich ist. Reisebusse und Kurgäste bevölkern die Straßen, die Stadtdurchfahrt ist ein ziemliches Chaos. Trotz seiner landschaftlichen Schönheit umrunden wir den Bleder See so flott es geht und sind erleichtert nur wenige Kilometer weiter, wieder in die ruhige harmonische Landschaft des Nationalparks zu kommen. Eine gut ausgebaute Landstraße führt uns durch das Tal der Sava Bohinjka bis zum Wocheiner See (Bohinjsko Jezero), an dem die Straße abrupt endet. Das gesamte, bis 2864m hohe Triglav-Massiv durchzieht an dieser Stelle den Nationalpark und bildet eine unüberbrückbare Sperre. Smaragdgrün und glasklar schimmert der größte See Sloweniens vor uns, der dank der natürlichen Abgeschiedenheit seinen wild-ursprünglichen Charakter bewahren konnte.
So einige kleine Landstraßen, zum Teil mit unbefestigtem Untergrund, durchziehen den östlichen Teil des Triglav-Nationalparks, die Berge Pokljuka. Eine wunderbare Ruhe und Ursprünglichkeit strahlt diese Gegend aus. Wir durchfahren kleine Ansiedlungen mit schönen gepflegten Bauernhäusern, aus Holz gebauten Berghütten und alten Dorfkirchen. Bei Bohinjska Bistrica nehmen wir eine Auffahrt Richtung Süden. Immer wieder bieten sich uns phantastische Aussichten auf das Triglav-Massiv und die Berge Pokljuka. Auf sehr gutem Asphalt geht es stetig hinauf, bis wir abrupt auf einer ausgefahrenen Wellblechpiste landen. Zwangsläufig etwas holprig fahren wir zu und passieren im oberen Teil einige Baufahrzeuge - die Straße wird also schrittweise frisch geteert, was auch auf den ausgezeichneten Asphalt im unteren Bereich schließen lässt. Nachdem wir die waldreiche Höhe überquert haben, weitet sich die Landschaft und wir machen Halt bei der Ansiedlung Sorica. Vor uns die weit verstreuten Bauernhäuser, bebaute Ackerflächen und besonders markant die für Slowenien typischen Heuständer, die wie überdimensionierte Leitern aussehen, auf denen das Heu zum Trocknen aufgehangen wird.
Am Vrsic mit Blick in das Triglav-Massiv In der Vintgar-Klamm
Eine schmale und extrem kurvenreiche Landstraße führt von hier durch das Tal des kleinen Flusses Baca, der am Ende in die Idrijca und dann in die Soca mündet. Im südlichen Teil ist die Soca schon ein beeindruckend breiter Fluss, strahlendblau, von grünen Berghängen umgeben. Wir folgen ihrem Verlauf bis Kanal, wo es zunehmend mediterraner wird. Terrassierte Weinhügel, Zypressen und Olivenbäume sind zu sehen und das Städtchen Kanal zeigt sich mit seinen herrschaftlichen Häusern in einem durchaus italienischen Flair. Wir nutzen eine kleine Pause, nehmen einen Capuccino ein und starten unsere Motorräder wieder Richtung Norden. Wir passieren Tolmin, das Zentrum der Region Oberes Soca-Tal und erreichen schließlich Kobarid, ein malerisch unter dem 2200m hohen Berg Krn gelegenes Städtchen. Auch hier zeigt sich der mediterrane Einfluss deutlich: Überall säumen Oleander-, Palmen- und Agavenkübel die stattlichen Häuser, farbenprächtige Blumen umrahmen die Fensterbänke. 1917 machte Kobarid Weltgeschichte, als österreichische und italienische Truppen um die Isonzofront kämpften. Umstände und Geschichte dieser Schlacht sind in einem absolut sehenswerten Museum dargestellt, das für seine Präsentation und besonders wegen seiner gegen den Krieg gerichteten Botschaft 1993 vom Europarat als "Europäisches Museum des Jahres" ausgezeichnet worden war. Das Museum ist in einem wunderschönen Adelspalast aus dem 18. Jahrhundert untergebracht, so dass man auch der Adelskultur jener Zeit nachspüren kann. Wir nehmen uns viel Zeit für die Ausstellungsbesichtigung und fühlen uns aufgrund der eindringlichen Präsentation nachdenklich und beklommen, als wir das Museum verlassen.
So unternehmen wir zum Abschluss unserer Rundreise noch einen heiteren Abstecher zur Napoleonbrücke bei Kobarid, einer von französischen Soldaten aus Naturstein gebauten Brücke über die türkisblaue Schlucht der Soca. Wir genießen einen letzten beeindruckenden Blick auf die Julischen Alpen, bis wir uns nach Norden wenden, entlang des Bergmassivs Krn fahren und von Zag aus den Grenzübergang Uccea nach Italien ansteuern.



 
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